Zukunft braucht Herkunft – Russland und Europa
Ulf Schneider, Präsident & Gründer, SCHNEIDER GROUP
Im April 2001 hat es mich nach Moskau gezogen. Das ist jetzt genau 25 Jahre her. Schnell habe ich unter den mutmaßlich sehr kühlen Menschen in der Millionenmetropole Anschluss gefunden. Über die Mitbürger in meiner Heimatstadt Hamburg - und insbesondere auch über mich - sagen viele das gleiche. Und trotzdem oder gerade deshalb haben wir zusammengefunden. Das hat von Anfang an Hoffnung gemacht.
Noch im selben Jahr ging ich auf eine Reise an den Baikalsee und weiter bis nach Wladiwostok. An den Ufern des Pazifik im Fernen Osten habe ich eine Hafenstadt erlebt, die mir viel europäischer als asiatisch geprägt vorkam. Und in der Tat, bereits 1864 machten sich zwei Brüder aus Hamburg nach Wladiwostok auf, um dort ein Kaufhaus zu eröffnen, das bis heute ein beliebter Einkaufsort geblieben ist.
Lehren aus der Vergangenheit
Zwei besondere Menschen haben in den Siebzigerjahren einen bleibenden, tiefen Eindruck auf mich hinterlassen: Sie hatten einen strategischen Weitblick, sprachen offen aus, wovon sie überzeugt waren, und handelten danach. Das waren der damalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt und der zur selben Zeit führende Diplomat der UdSSR Valentin Falin, der dieser Tage 100 Jahre alt geworden wäre. Beide sind für mich gerade in der heutigen Zeit Leitbilder.
Helmut Schmidt und Valentin Falin haben beide strategische Szenarien für ihre Länder entwickelt und sich für Gespräche mit denen auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs engagiert. Rückschläge haben sie eingesteckt, aber ihre Überzeugungen weiter bekräftigt. Wenn Gespräche und Verhandlungen nicht zustande kamen, wurden neue Anläufe unternommen. Jeder hat seinen Gesprächswillen auch durch militärische Stärke untermauert, aber im Vordergrund stand die Überzeugung, dass man durch Gespräche zu sinnvollen Lösungen kommen kann. Die Geschichte hat beiden Recht gegeben und so kam z.B. der INF-Vertrag über den Abbau der Mittelstreckenraketen zustande. Wir, Russen und Europäer, sollten heute mit kühlem Kopf überlegen, wie wir hieran anknüpfen könnten. Im Vordergrund sollte die Überzeugung stehen, dass wir einen neuen Eisernen Vorhang verhindern wollen und die Menschen in West und Ost friedlich und in Verständigung zusammen leben können. Wir haben kulturell viele Gemeinsamkeiten und wirtschaftlich und wissenschaftlich können wir uns hervorragend ergänzen. Im Vordergrund darf jetzt nicht die Frage stehen, wer an was schuld ist. Jetzt kommt es darauf an, dass sich jeder fragt, was sie und er persönlich zu einer neuen Verständigung beitragen kann, im Großen wie auch im Kleinen.
Wandel-durch-Handel – trotz aller Rückschläge
Schauen wir nochmals in die 1970er Jahre zurück: Das legendäre Erdgas-Röhrengeschäft kann auch aus heutiger Sicht als eine Meisterleistung von Wirtschaft, Diplomatie und Politik gelten. Es gab Charaktere mit pragmatischen Zukunftsperspektiven, wie zum Beispiel den deutschen Unternehmer, der als inoffizieller „Osthandelsminister“ der Bundesreublik bewundert wurde, Otto Wolff von Amerongen. Menschen, die Zielvorstellungen überzeugend in tragfähige Strategien und konkrete Handlungen ummünzen und in einer konzertierten Aktion zwischen Managern, Diplomaten und Politikern ins Boot holen konnten, selbst die, die anfangs auf der anderen Seite des Atlantiks das Projekt mit Sanktionen vehement torpediert hatten.
Das historisch erfolgreiche Konzept „Wandel-durch-Handel“, das bereits die Hanse im Mittelalter prägte, hat derzeit zwar einen empfindlichen Rückschlag erlitten, aber schließlich immer auch Menschen zusammengeführt. Ein europäischer Botschafter in Russland sagte mir vor kurzem, Handel hätte doch offensichtlich auch zum Wandel in der gesellschaftlichen Entwicklung auf beiden Seiten geführt. Das sehe ich genauso und das motiviert mich, hierfür trotz aller Störfeuer und Rückschläge fest einzustehen.
Frieden braucht gegenseitige Verständigung
Keine Seite wird den derzeitigen Konflikt mit militärischen Mitteln lösen können. Frieden und Freiheit sind nur erreichbar, wenn es auch wieder eine allseits akzeptierte Verständigung gibt – auf politischer und gesellschaftlicher Ebene. Russen und Europäer sollten sich überlegen, welche Lösungsansätze allen einen Nutzen bringen. Dies könnte zum Beispiel der Luftverkehr sein: Russland könnte dabei als ersten Schritt erneut Überflugrechte für westliche Airlines erteilen. Und der Westen sollte im Gegenzug Wartung und Kauf von Ersatzteilen für Airbus und Boing der russischen zivilen Flotte gewähren. Dies würde der Umwelt, der Flugsicherheit und der Reisefreiheit von Menschen dienen.
Wir stehen vor einem schwierigen und steinigen Weg. Auf diesem Wege wünsche ich mir viele Mitstreiter.
